Was heißt Veganismus, wie sind die Regeln, was darf man essen, was nicht? Machst du Ausnahmen?


Veganismus ist eine strikte Form der herkömmlichen vegetarischen Ernährung. Ein Veganer nimmt keinerlei tierische Produkte wie Fleisch (ja, auch Fisch gehört dazu), Milch und Milchprodukte, Eier und Honig zu sich. Im Weiteren ist Veganismus für jeden ganz persönlich definiert. Ethisch motivierte Veganer beschränken sich nicht nur auf das Ablehnen von tierischen Nahrungsmitteln, sondern sie verzichten möglichst auch auf andere Produkte, bei deren Herstellung Tiere leiden müssen. Leder, Wolle, Seide und andere Produkte, die mit dem Schlachten von Tieren zu tun haben, sind auch für mich nicht akzeptabel. Genau wie viele andere Veganer benutze ich nur Shampoos, Duschgels, Hautcremes etc., die nicht an Tieren getestet worden sind. Auch wenn es sehr schwierig ist, alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen zu vermeiden, versuchen Veganer Alternativen zu finden.
Die einzige Ausnahme, die ich beim Veganismus mache, sind die Medikamente. Diese Grenze habe ich ganz persönlich für mich gesetzt. Jedoch versuche ich immer wieder Medikamente zu finden, welche nicht an Tieren getestet wurden. Dies ist aber zurzeit leider fast unmöglich.

 

Wann hast Du Dich entschlossen, vegan zu essen (oder sagt man zu leben)? Und was hat Dich dazu gebracht bzw. Wer hat Dich überzeugt?

Veganismus kann eher als Lebensweise bezeichnet werden, da sich der Veganismus im Normalfall nicht nur auf die tierleidfreie Ernährung beschränkt. Wie die meisten Veganer habe auch ich mit dem Vegetarismus begonnen. Als ich während einer Reha auf Amrum eine Bekanntschaft mit einer Vegetarierin machte, begann ich mir Gedanken darüber zu machen, wo eigentlich mein Essen herkommt. Ich war circa ein halbes Jahr lang Vegetarier. Eigentlich war ich Pescetarier, da ich aus falscher Angst noch Fisch aß. Ich beschäftigte mich weiter mit dem Thema. Schnell begriff ich, dass die so wichtigen Omega-3-Fettsäuren, die im Fisch enthalten sind, auch in vielen pflanzlichen Lebensmitteln (z.B. Leinöl & Leinsamen, Walnüssen, Hanföl) vorkommen - und zwar ohne PCB und Quecksilberbelastung.
Das Thema ließ mich nicht mehr los. Ich begann mich auf eigene Faust zu informieren. Ich recherchierte im Internet, las Bücher wie „Food Revolution" von John Robbins, „Milch besser nicht" von Maria Rollinger und schaute mir Dokumentationen an. Seitdem weiß ich auch, dass 98% der deutschen Nutztiere, die zur Fleischproduktion dienen, in Massentierhaltung „leben". Der Hauptgrund, warum ich mich dann von heute auf morgen dazu entschied, Veganer zu werden, war der Film „EARTHLINGS" - eine Dokumentation in Spielfilmlänge über die absolute Abhängigkeit der Menschheit von Tieren (als Haustiere, Nahrung, Kleidung, zur Unterhaltung und in der wissenschaftlichen Forschung). Inzwischen steht bei mir neben ethisch-moralischen und gesundheitlichen Gründen auch die Sorge um die Erhaltung und Wiederherstellung natürlicher Ressourcen und der ökologischen Systeme im Vordergrund. Denn mir ist inzwischen klar geworden, wie eng Umweltverschmutzung & -zerstörung mit der Nutztierhaltung in Verbindung stehen. Maßgebliche Studien (u.a. von den Vereinten Nationen durchgeführt) belegen eindeutig, dass landwirtschaftliche Nutztiere mehr zum Klimawandel beitragen als das Transportwesen. Der Nutztiersektor ist laut UN für 40% mehr Treibhausemissionen verantwortlich, als der gesamte weltweite Transportsektor (Autos, Schiffe, Züge, Flugzeuge) zusammengenommen. Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung & -mangel, Bodenzerstörung und der Verlust von Artenvielfalt sind weitere Faktoren, die unsere (einzige) Erde in Mitleidenschaft ziehen. Somit zählt die Tierhaltung zur Lebensmittelerzeugung zu den Hauptfaktoren, die an unseren schlimmsten lokalen bis weltweiten Umweltproblemen beteiligt sind.

 

CF-Patienten sollen 50% mehr Kalorien zu sich nehmen als gesunde Menschen. Wie schafft man das mit veganer Kost?

An dieser Stelle bringe ich anfangs immer erst einmal folgendes Beispiel: Wer von euch kann sagen, dass er ein Frühstück mit mehr als 1200 Kalorien verzehrt? Ich schon. Jeden morgen, bevor ich meinem Beruf als Referendar nachgehe, stelle ich mir mein eigenes Müsli zusammen, welches ich seit einem Jahr immer wieder verändere. Leinöl, Hanföl & -samen, Sonnenblumen & Kürbiskerne, gemahlene Haselnüsse, Leinsamen und Sesam sorgen dafür, dass ich jeden morgen mit einem Power-Müsli in den Tag starte. Dieses verfeinere ich mit Soja-Cuisine (vegane Sahne) und dann kann ich entscheiden, ob ich mein Müsli mit Sojadrink, Reismilch oder doch lieber mit Haferdrink esse.
Ich verzichte auf nichts. In den fast zwei Jahren, in denen ich jetzt Veganer bin, habe ich mich intensiver um meine Ernährung gekümmert. Ich habe Nahrungsmittel kennengelernt, von denen ich bis dato nichts wusste. Joghurts, Sahne, Käse, Butter und Quark ersetze ich durch vegane Alternativen. Ja - es gibt vegane Joghurts, vegane Sahne usw. Viele Produkte werden auf Basis von Soja hergestellt. Aber auch Reis und Hafer werden zu solchen Nahrungsmitteln verarbeitet.
Für Nahrungsergänzungsmittel wie Fresubin oder ScandiShake gibt es meines Wissens bisher keine direkten Alternativen. Jedoch nutze ich gerne Reis-Protein-Pulver und andere pflanzliche Masseaufbau-Pulverkonzentrate. Diese Pulver vermenge ich mit pflanzlichen Drinks (Soja, Reis oder Hafer) und Traubensaft. Dazu gebe ich Lein- oder Hanföl und gerne auch diversen Nuss-Mus. Diese Drinks bringen auch ordentlich Kalorien und schmecken fantastisch.
Muse sind generell sehr empfehlenswert - auch bei nicht veganen CF-Patienten. Ob Tahin (Sesammus), Erdnussbutter, Cashew- oder Mandelmus - all diese Muse sind voll mit gesunden Fetten und eignen sich sowohl zum Aufstrich als auch zum verfeinern von Soßen. Eine klassische Mehlschwitze mit Soja-Sahne und einem Nuss-Mus ist eine absolute gesunde Kalorienbombe.

 

Als CF-Patient kämpft man häufig mit Sekundärerkrankungen. Ich denke da gerade an Osteoporose. Milch und Milchprodukte sind ein wichtiger Kalziumlieferant. Gefährdest du mit dem Verzicht dieser Produkte nicht deine Gesundheit und erhöhst zum Beispiel das Risiko, an Osteoporose zu erkranken?

Noch immer herrscht die allgemeine Annahme, dass viel Milch gleich viel Kalzium für den Körper bedeutet. Dies wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ebenso bestätigt wie von vielen einschlägigen Publikationen. Wahr an dieser Gleichung ist nur eines: Milch enthält viel Kalzium (ca. 1200 mg pro Liter). Wenn ich dir jetzt sage, dass Milch eigentlich ein Kalziumräuber ist, dann möchtest du mich wohl für verrückt erklären. Diese These wird jedoch von vielen Wissenschaftlern bestätigt. Doch bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich einfach einmal folgende Fakten nennen:
Punkt 1: In Milchländern mit dem weltweit höchsten Konsum von Milch & Milchprodukten und der weltweit höchsten Kalziumaufnahme ist die Kalziumversorgung ihrer Bevölkerungen kontinentübergreifend unzureichend.
Punkt 2: In solchen Milchländern ist die Osteoporosehäufigkeit weltweit am höchsten und tritt heutzutage wesentlich häufiger auf als vor hundert Jahren.
Punkt 3: Länder, die traditionell keine Milchländer sind (z.B. Japan, China), verzeichnen, wenn überhaupt, nur geringe Raten an westlichen sogenannten Zivilisationskrankheiten (u.a. Osteoporose).
Warum öffnen diese nicht zu übersehenden Wiedersprüche nicht die Augen der Bevölkerung? Forscher, die abseits der Milchlobby Studien machen, sind längst auf viele neue Erkenntnisse gestoßen. Ein Beispiel möchte ich dir erklären.
Jedem sollte wohl klar sein, dass der Kalziumhaushalt des Menschen nicht nur von der Menge der Kalziumzufuhr abhängig ist, sondern auch von Kalziumverlusten durch Urin und Fäzes. Eine einseitige Fokussierung auf die Höhe der Kalziumaufnahmen führt nicht weiter, sondern es müssen einerseits die Verfügbarkeit des Kalziums aus den Lebensmitteln, andererseits die Kalziumresorption sowie schließlich auch Kalziumverluste in eine Beurteilung miteinbezogen werden. Und dann wird die Gleichung „viel Milch = viel Kalzium" nicht bestätigt.
Milch und Milchprodukte (vor allem Käse) enthalten hohe Mengen an Eiweiß. Zu viel Eiweiß führt zu Kalziumverlusten. Obwohl dies kein Ernährungswissenschaftler ernsthaft bestreiten wird, macht die Tatsache, dass Milch zu den eiweißreichsten Lebensmitteln gehört, niemanden von uns nachdenklich. Warum? Auch solches Denken ist einer Milchnation unpopulär.
Der Körper kann nicht verwertetes Eiweiß bzw. Aminosäuren nicht über längere Zeit im Körper lagern. Er muss sie also ausscheiden oder abbauen. Dabei fungiert das Kalzium als Säurerneutralisator. Beim Abbau von Eiweißen entstehen Abbauprodukte, wie z.B. Säuren. Um einer Übersäuerung des Organismus zu entkommen, verbindet sich der Neutralisator (z.B. das Kalzium) mit der Säure und wird ausgeschieden. Ist im Körper nicht genug freies Kalzium vorhanden, so wird es den Knochen entzogen. Auf diese Weise kann ein dauernder Eiweißüberschuss sogar zum Kalziumverlust führen.
Ich persönlich hole mir mein Kalzium lieber aus getrocknetem Obst, grünem Gemüse (vor allem Grünkohl), Hülsenfrüchten, Kürbiskerne, Nüssen und angereicherten pflanzlichen Drinks.

 

Tierische Produkte sind wichtige Quellen für Eiweiß, Eisen, Vitamin D oder Vitamin B12. Wie kommst du an diese wichtigen und lebensnotwendigen Nährstoffe?

Der menschliche Körper benötigt viel weniger Eiweiß, als meistens angenommen wird. Gefährlicher als der Eiweißmangel ist bei dem gegenwärtigen Fleisch- und Milchkonsum der Eiweißüberschuss, was der Bevölkerung noch weitgehend unbekannt ist. Eiweißüberschuss ist für nahezu für alle schweren Krankheiten mitverantwortlich. Es kann, wie ich eben ausführlich erklärt habe, u. a. zu einem erhöhten Verlust an Kalzium und anderer lebensnotwendiger Mineralstoffe führen. Avocados, Hasel- und Paranüsse, Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte (besonders Tofu) versorgen mich mit genügend Eiweiß. Um einem Eisenmangel vorzubeugen, genügt es, wenn man beim Essen pflanzliche Eisenlieferanten (Getreide, getrocknetes Obst, grünes Gemüse, Hülsenfrüchte usw.) mit Vitamin C (z.B. Orangensaft) kombiniert. Denn Vitamin C erhöht die Resorption von Eisen.
Viele Produkte werden heutzutage mit Vitamin D angereichert. Aber das Beste ist natürlich immer noch dies: Raus in die Sonne ;)
Beim dem Vitamin B12 scheiden sich die Geister. Ich persönlich supplementiere B12 einmal monatlich. Generell lasse ich in meiner Ambulanz regelmäßig die Blutwerte auf Eisen, Vitamine etc. checken. Nach 2 Jahren Veganismus gab es keinerlei Werte, die nicht dem Normbereich entsprachen. Vitamin E konnte ich sogar von 2 Tabletten pro Tag auf eine reduzieren. Ich mache mir also hinsichtlich der Nährstoffzufuhr keine Gedanken. Selbst die ADA (American Dietetic Association), eine 70.000 ExpertInnen umfassende Ernährungsorganisation zeigt, dass eine vegane Ernährung sehr wohl für Menschen in jeder Lebensphase geeignet ist. Es ist außerdem die Position der ADA, dass eine entsprechend geplante vegetarische Ernährung gesund und ernährungsmäßig ausreichend ist und gesundheitliche Vorteile bei der Vorbeugung und Behandlung bestimmter Krankheiten bietet.
Es ist doch ganz einfach so. Ob ich nun Veganer, Vegetarier, Fleischesser oder was auch immer bin - eine einseitige Ernährung führt dauerhaft zwangsweise zu einer Fehlernährung bzw. einer ungeeigneten Nährstoffzufuhr. Esse ich ausgewogen und habe Vielfalt auf dem Teller, dann brauche ich mir auch als Veganer keine Gedanken zu machen.

 

Hat sich die vegane Lebensweise in irgendeiner Form positiv oder negativ auf deine Gesundheit ausgewirkt?

Um mich kurz zu fassen: Ja, positiv. Weniger Schleim in der Lunge & reinere Haut (vor allem im Gesicht) durch den Verzicht auf Milch und Milchprodukte.
Bei meinem Gewicht kann ich nur sagen, dass es bei einem BMI von 21 bis 22 im Normbereich liegt. Seitdem ich Veganer bin, spritze ich kein Insulin mehr. Hier muss ich jedoch sagen, dass ich sowieso ziemlich wenig vom Diabetes betroffen bin/war. Pro BE spritzte ich nur eine Einheit Insulin. Dieses muss ich inzwischen einfach weglassen, da sich der Körper anscheinend normalisiert hat und ich Unterzucker bekomme, wenn ich mich zu den Mahlzeiten spritze. Die Begründung für dieses Phänomen hab ich vor kurzem herausgefunden. Da ich in diesem Bereich noch nicht wirklich viel Ahnung habe, empfehle ich einfach mal den Trailer „Raw for 30 Days Promo" auf Youtube.
Allgemein kann ich sagen, dass ich mich einfach besser fühle, seitdem ich vegan lebe.


Gibt es ein Kochbuch, das Du empfehlen kannst?

Ein Kochbuch, das sog. Tierrechtskochbuch, kann man zum Beispiel kostenlos www.tierrechtskochbuch.de herunterladen. Außerdem empfehle ich gerne die beiden Hefte „Vegan Kochbuch Vol. 1 & 2" von Attila Hildmann. Mein Lieblingskochbuch ist „Natürlich vegan - Ein Kochbuch für Genießer" von Petra Schmidt.
Viele Veganer und Vegetarier sind von den Bänden des „OX-Kochbuch" begeistert, was sowohl vegetarische als auch vegane Rezepte aufzeigt.
Ich habe mir inzwischen auch englische Backbücher gekauft. Mein Favorit ist hier „Gunters Vegan Cakes" eBook (www.guntersvegancakes.com). In diesem Buch findet man vom „Käse"kuchen, über Blechkuchen bis hin zur „Schwarzwälder Kirsch" oder dem „Bienenstich" einfach alles. Ich liebe dieses Buch.
Generell gilt jedoch, dass das Internet einem unendlich viele vegane Rezepte bietet.

 

Wie verhältst Du Dich als Gast, wenn Dir ein Steak im Eiermantel angeboten wird?

Im Regelfall werde ich ja nur von Leuten eingeladen, welche mich kennen. Diese wissen, dass ich Veganer bin und geben sich teilweise wirklich Mühe, um mir etwas Veganes anbieten zu können. Sollte ich bei jemand Fremden eingeladen und mir Steak im Eiermantel anboten werden, dann werde ich erklären, dass ich Veganer bin. Ich werde das Essen nicht essen, auch wenn der Gastgeber sich viel Mühe gegeben hat.

 

In welche Restaurants kannst Du gehen?

Theoretisch kann ich in jedes Restaurant gehen. Was ich dann dort essen kann, ist eine andere Frage. Ich liebe es, zum Asiaten oder Thai zu gehen. Viele Speisen dort können vegan zubereitet werden und vor allem sind dies die Lokale, die oftmals auch Tofu auf der Speisekarte haben. Meiner Stamm-Pizzeria in meinem Ort ist längst bekannt, dass ich meine Pizza ohne Käse bestelle. Ansonsten kann ich noch zwischen zwei Nudelgerichten wählen, die wohl eher zufällig vegan sind.
In anderen Restaurants ist es teilweise wirklich nicht leicht bis unmöglich ein Essen zu finden, welches ohne tierische Produkte zubereitet wurde. Wenn ich wirklich gar nichts finde, dann tun es im Notfall immer wieder die guten alten Pommes.
Am liebsten gehe ich natürlich in vegane Kneipen und Restaurants. Diese sind hier im ländlichen Raum nicht wirklich angesiedelt. Aber immer, wenn ich mal in einer größeren Stadt bin, dann hab ich mich vorher im Internet kundig gemacht und suche eine vegane Lokalität auf.